Text: frank hausmann
Fotos: Scania

Interview mit Scania Experte Michel Sobert

Erdgas-Lkw im Aufwind

Erdgasfahrzeuge sind heutzutage nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll. Moderne Gasmotoren stehen einem Diesel in nichts mehr nach und lohnen sich auch für Verteiler- und Fernverkehrsanwendungen.

Die Lkw-Industrie in Europa muss sich auf schärfere Klimaschutzvorgaben einstellen. Die CO2-Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge sollen bis 2025 um 20 Prozent im Vergleich zu 2019 sinken. Bis 2030 muss der Ausstoss des klimaschädlichen Gases von neuen Lkw um 35 Prozent niedriger sein. Bei Verstössen drohen saftige Strafen. Von 5'000 Euro für jedes überschrittene Gramm Treibhausgas ist die Rede. Laut VDA könnte das sogar selbst grosse Nutzfahrzeughersteller in den Ruin treiben.


Auch der europäische Autoherstellerverband ACEA zeigt sich alarmiert. Besonders das geforderte Zwischenziel der Klimagasreduzierung bis 2025 würde die Hersteller zwingen, bereits in der Entwicklung befindliche Fahrzeuge nachträglich mit neuer Technik auszurüsten. Die kurze Frist passe nicht zu den langen Entwicklungszyklen bei Nutzfahrzeugen, zumal noch keine Bezugswerte für die Reduzierung vorliegen und damit auch nicht vor Mitte 2020 zu rechnen sein dürfte.


Lkw in der EU tragen zwar fast ein Viertel zu den gesamten CO2-Emissionen im Verkehr bei, jedoch entspricht das laut ACEA gerade einmal fünf Prozent des gesamten CO2-Ausstosses. Ein höherer Anteil an Zero- und Low-Emission-Nutzfahrzeugen im Markt könnte für Entspannung sorgen. Jedoch sind manche alternativen Antriebe im Lkw nicht sinnvoll einsetzbar. Ein reiner Batterieantrieb mit tonnenschweren Akkus im Fernlaster ist auch aufgrund der langen Ladezeiten sowie der notwendigen Parkplätze und Ladesäulen auf absehbare Zeit nicht marktfähig.


Hybrid-, Brennstoffzellen- oder Oberleitungs-Lkw sind auch nicht für jeden Einsatzzweck geeignet oder stecken noch in den Kinderschuhen. Schnelle Abhilfe können Fahrzeuge mit Methan-Antrieb schaffen, wie sie auch Scania als CNG- und LNG-Variante im Programm hat. Welche Vorteile Erdgas bietet und für wen Gasmotoren eine echte Alternative zum Diesel darstellen, erklärt Michel Sobert, Produkttechniker für nachhaltige Transportlösungen, im Gespräch.

Warum sollte ein Kunde auf Erdgas-Lkw umschwenken?

Lkw mit Methan-Motor sind eine sinnvolle Alternative mit Zukunftscharakter. Sie schonen die Umwelt und rechnen sich wirtschaftlich. Ob komprimiertes oder verflüssigtes Gas, spielt dabei keine Rolle. Die CNG- und LNG-Lkw stossen gegenüber vergleichbaren Diesel-Lkw bereits bei fossilem Erdgas 15 Prozent weniger CO2 aus. Mit Biomethan kann der Wert bis auf 90 Prozent klettern. Das macht sich gut in der Klimabilanz der Speditionen.

Für wen lohnt sich der Umstieg?

Der Umstieg auf den Erdgasantrieb lohnt sich für alle, die jetzt und gleich weniger schädliches Klimagas, Stickoxide, Feinstaub und Partikel emittieren und gleichzeitig ihre Kosten senken wollen. Bei all diesen Kriterien schneidet der Gasmotor besser als der Diesel ab. All jenen, die ihren Fuhrpark ohnehin erneuern müssen, rate ich dringend, den Gasantrieb ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Welche Jahresfahrleistung stellt hier eine natürliche Grenze dar?

Eine solche Grenze gibt es nicht mehr. Wer im Durchschnitt mehr als 100'000 Kilometer pro Jahr mit dem Lkw fährt, sollte zum LNG-Truck greifen. Wer mehr im Nahverkehr unterwegs ist und jährlich höchstens 100'000 Kilometer zurücklegt, kommt mit einem preisgünstigeren CNG-Lkw vielleicht besser zurecht.

Welche Erdgasmotoren hat Scania dafür im Programm?

Scania bietet derzeit zwei Motoren in drei Leistungsstufen an. Beide eignen sich für CNG und LNG. Die Gasmotoren arbeiten nach dem Prinzip des Ottomotors. Zündkerzen liefern den Funken, um das Erdgas-Luft-Gemisch zu entzünden. Beide Komponenten verbrennen vollständig. Eine Abgasrückführung und ein Dreiwegekatalysator übernehmen die Abgasnachbehandlung. Unser Fünfzylinder-Motor OC9 leistet 280 oder 340 PS. Der grössere Sechszylinder-Motor OC13 bringt es auf 410 PS. Die maximalen Drehmomente reichen von 1'350 bis 2'000 Nm. Damit stehen sie dem Dieselmotor in nichts nach und lassen sich in Sattelzugmaschinen und Lkw-Fahrgestelle bis 40 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht einsetzen.

Welche Scania Baureihen lassen sich mit Erdgasmotoren bestücken?

Grundsätzlich können wir fast alle Baureihen und Gewichtsklassen mit Gasmotoren ausstatten. Prädestiniert sind die P-, G- und R-Baureihe. Damit können Erdgasmotoren im Kommunal-, Baustellen-, Verteiler- und Fernverkehr eingesetzt werden. Selbst grosse Volumenzüge mit drei Meter Ladehöhe stellen keine Grenze für den Gasantrieb dar. Nur bei echten Schwertransporten über 40 Tonnen müssen wir noch passen.

Mit welchen Einschränkungen müssen Kunden bei Erdgas rechnen?

Einbussen bei der Leistungsentfaltung unserer Gasmotoren oder beim Fahrverhalten und Fahrkomfort braucht niemand zu befürchten. Auch in Sachen Wirkungsgrad und Treibstoffeffizienz sind sie dem Dieselmotor fast ebenbürtig. Mit einem Erdgas-Lkw ist der Fahrer genauso flott unterwegs wie mit einem vergleichbaren Dieselpendant.

Verbraucht ein Erdgasmotor mehr als ein Dieselmotor?

Einen Verbrauchsvergleich zwischen Diesel- und Erdgasfahrzeugen sollte man aus technischer Sicht nicht machen, da es sich um komplett unterschiedliche Technologien handelt. Diesel wird ja bekanntlich in Litern (flüssig) gemessen, während Erdgas in Kilogramm (gasförmig) angegeben wird. Auch die Differenz des Energiegehalts ist erheblich. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein Gasfahrzeug grundsätzlich weniger Gas in Kilogramm als ein Diesel in Litern verbraucht. Der eigentliche Fokus sollte aber aus unserer Sicht mehr auf der Reduzierung der Emissionen liegen.

Wie sieht es mit der Nutzlast aus?

Aufgrund der aufwendigeren Gastanks beträgt das Mehrgewicht der Gas-Lkw rund 600 Kilogramm, was die Nutzlast etwas einschränkt. Das exakte Mehrgewicht gegenüber einem äquivalenten Dieselfahrzeug kann zwar über die Zulassungsbehörde bis zu maximal einer Tonne in die Fahrzeugdokumente eingetragen werden, jedoch erhöht das nicht das maximale zulässige Gesamtzuggewicht von 40 Tonnen. Zu beachten ist, dass sich die LSVA-Kosten nach dem neuen Fahrzeuggesamtgewicht richten.

Welche Gastankgrössen stehen den Kunden zur Verfügung?

In der CNG-Variante können wir viermal 95 beziehungsweise 118 Liter pro Fahrzeugseite anbieten, sodass sich je nach Kombination Fassungsvermögen von 760, 852 oder 944 Litern ergeben. Drei verfügbare LNG-Tanks mit 340, 400 oder 550 Litern erlauben zwischen 740 und 1'100 Liter tiefgekühltes Flüssiggas an Bord.

Welche Reichweiten sind damit möglich?

Nahverkehrsfahrzeuge für Kommunen, das Baugewerbe oder im Verteilerbetrieb haben mit ihren CNG-Tanks bis circa 500 Kilometer Reichweite. Sattelzüge mit LNG-Tanks im Fernverkehr kommen bis zu 1'100 Kilometer weit und Fahrgestelle sogar bis zu 1'600 Kilometer. Sie haben mehr Platz für grosse Tanks am Rahmen. Da muss ein Fahrer nicht zwangsläufig häufiger zum Tanken fahren als mit einem Diesellaster.

Wie sieht die Dichte des Tankstellennetzes für Gas-Lkw heute aus?

Über die ganze Schweiz verteilt gibt es rund 150 CNG-Tankstellen, von denen sich knapp 120 auch für Lkw eignen. Nicht ganz so gut sieht es bei LNG aus. Hier hinkt die Schweiz mit den zwei vorgesehenen Stützpunkten in Weinfelden und im Raum Estavayer, welche circa Mitte 2019 in den Betrieb gehen sollen, hinterher. Bis 2025 soll es an den Hauptverkehrsrouten der Europäischen Union alle 400 Kilometer eine LNG-Tankstelle geben.

Und was machen jene, die international unterwegs sind?

Im Ausland ist die Situation häufig besser. England kann auf 28 LNG-Tankstellen verweisen, in den Niederlanden sind es 26, Italien ist mit 21 Stationen dabei, Frankreich hat 23 und Spanien 18 LNG-Tankstellen. Das Netz wächst kontinuierlich.

Gibt es denn dort mehr Erdgasfahrzeuge als in der Schweiz?

In anderen Teilen Europas ist der Erdgasantrieb im Lkw ganz normale Praxis. Speziell die Beneluxländer, Frankreich, Spanien, England, Italien und Russland sind hier führend. Die Schweiz steht noch am Anfang, was den Einsatz von Erdgasfahrzeugen betrifft.

Welche konkreten Vorteile hat der Kunde mit Gasmotoren?

Mit Gas-Lkw sinken die Betriebskosten. Es fallen weniger Treibstoffkosten an, da der Verbrauch in Kilogramm gegenüber Diesel in Litern geringer ist. Und bei der Anschaffung helfen lokale Gaslieferanten derzeit durch eine Förderung kräftig mit. Ausserdem wurde seitens Bund zum Juli 2008 eine starke Ermässigung auf die Mineralölsteuer eingeführt. Dies verschafft dem Erdgas in Bezug auf dessen Brennwert einen Preisvorteil von circa 25 Prozent gegenüber Diesel.

Dafür müssen Kunden beim Kauf der Erdgas-Lkw tiefer in die Tasche greifen.

Das stimmt. Je nach Variante – also CNG oder LNG – sind die Fahrzeuge zwischen 20 und 35 Prozent teurer. Jedoch haben sich die Investitionen je nach jährlicher Fahrleistung und Höhe der lokalen Stützung durch Gaslieferanten schon nach 24 bis 42 Monaten amortisiert.

Wie sieht denn die Förderung von Erdgasfahrzeugen in der Schweiz konkret aus?

Aktuell gibt es in der Schweiz keine expliziten staatlichen Förderungsprogramme oder Anreize für eine Beschaffung solcher Fahrzeuge, wie sie zum Beispiel in Deutschland zu finden sind. Um aus klimapolitischen Gründen Erdgas als Treibstoff zu fördern, wurde jedoch im Juli 2008 die Mineralölsteuer auf Erdgas stark reduziert. Somit findet die Amortisation des Mehrpreises der Anschaffung über den Treibstoffpreis statt. Der Preis zwischen einem Kilogramm Erdgas und einem Liter Diesel ist in der Schweiz etwa identisch.

Was kann der Kunde mit einem Gas- statt Dieselfahrzeug im Praxisbetrieb sparen?

Wer im Monat rund 10'000 Kilometer fährt, spart zwischen 350 und 400 Schweizer Franken Treibstoffkosten. Bei einer jährlichen Fahrleistung von 120'000 Kilometern lassen sich mit Erdgas-Lkw insgesamt bis zu 4'200 Schweizer Franken Spritkosten einsparen.

Was müssen Kunden beachten, wenn sie sich für Erdgas entscheiden?

Das Betanken der Fahrzeuge ist im Vergleich zum Diesel anders, dauert aber kaum länger als an einer Dieselsäule. Besonders der Fahrer eines LNG-Lkw muss sich beim Betanken umstellen und einige Sicherheitsroutinen beachten. Dazu gehören beispielsweise das Erden des Fahrzeugs, das Säubern der Anschlüsse und das Anlegen von Schutzhelm mit Visier und Schutzhandschuhen. Ansonsten könnte ihm das minus 130 bis 140 Grad kalte Flüssigerdgas beim Entweichen Kälteverbrennungen an Haut und Gliedmassen zufügen.

Gibt es auch für den Fahrer Vorteile im Erdgasbetrieb?

Im Vergleich zum Diesel fährt der Gas-Lkw wesentlich leiser. Die Geräuschentwicklung reduziert sich auf 72 dB(A) um rund die Hälfte. Bei der Performance des Lkw muss er keine Abstriche machen. Und er braucht sich in europäischen Grossstädten nicht um Fahrverbote für bestimmte Strassen oder ganze Innenstadtbereiche wegen zu hoher Stickoxidbelastung zu kümmern und deren Umfahrungen vorzunehmen.

Ist ein Erdgasmotor anfälliger für Störungen als ein Dieselmotor?

Nein. Scania verkauft seit über zehn Jahren Erdgasmotoren. Die Technik ist ausgereift und so funktionssicher wie beim Dieselmotor.

Aber die Wartungsintervalle verkürzen sich mit Erdgasmotoren.

Das ist teilweise richtig. Lkw mit Erdgasmotor müssen zurzeit je nach Einsatz alle 45'000 Kilometer zum Service in die Werkstatt. Dadurch wird der Wartungsaufwand etwas höher, und die Wartungs- und Reparaturverträge kosten unter Umständen ein wenig mehr.

Sind bei Scania alle Servicestützpunkte für den Umgang mit CNG- und LNG-Motoren gerüstet?

Entlang der Schweizer Hauptverkehrsachsen sind sämtliche Scania Werkstätten für solche Fahrzeuge vorbereitet und können innert nützlicher Frist die wichtigsten Ersatzteile sowie Spezialwerkzeuge beschaffen.

Kann ich als Einzelner mit der Anschaffung von Erdgasfahrzeugen das Klima retten?

Sicher nicht. Aber neben der politischen Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, kann jeder seinen persönlichen Beitrag zur Klimarettung leisten. Nur gemeinsam lässt sich etwas ausrichten.

Scharfer Gegenwind zum Erdgasantrieb kommt von Transport & Environment. Der Lobbyverein hält laut einer Studie LNG und CNG beim Klimaschutz im Verkehrsbereich für völlig unwirksam. Wie sehen Sie das?

Die Studie der Dachorganisation von nicht staatlichen europäischen Organisationen für nachhaltigen Verkehr geht vom Einsatz von Fracking-Gas aus den USA aus. Das ist in der Ökobilanz in der Tat schlechter als Diesel. Die Zukunft gehört aber sogenannten E-Fuels. Die biologischen oder synthetischen Treibstoffe auf Wasserstoffbasis bieten eine hervorragende CO2-Bilanz und viele Vorteile in Bezug auf Stickoxide und Partikel. Der Feinstaub liegt bei Gasmotoren an der Nachweisgrenze. Das Methangas enthält wenig Kohlenstoff und verfügt dafür über das Maximum von Wasserstoff pro Kohlenstoffatom, was für eine saubere Verbrennung sorgt. Die Stick­oxidwerte liegen rund 55 Prozent unter denen bei der Dieselverbrennung. Sauberer lässt sich ein Verbrennungsmotor kaum betreiben. Und auf den sind wir noch einige Jahre angewiesen.

ZUR PERSON

Michel Sobert ist seit Februar 2018 als Produkttechniker nachhaltige Transportlösungen bei Scania Schweiz beschäftigt. In dieser Funktion betreut er unter anderem Kunden, die sich für einen Scania mit Erdgasmotor entscheiden.

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